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Frank Rehme:
Das ist ein perfekter Einstieg. Ihr seid jung als Organisation und habt den Vorteil, auf Erfahrungen anderer Städte zurückgreifen zu können. Ihr könnt schauen, was funktioniert und was nicht. Genau deshalb bin ich ein großer Fan der Schweiz. Wir hatten ja bereits Gäste aus Olten hier im Podcast und ich habe den Eindruck, dass ihr viele Dinge richtig macht. Der Blick über den Gartenzaun hat noch nie geschadet. Wenn beim Nachbarn die Blumen schöner blühen, lohnt es sich zu fragen, warum. Deshalb freue ich mich auf deine Einblicke.
Erich Felber:
Sehr gerne.
Frank Rehme:
Wie verstehst du Citymanagement? Wie bist du zu dieser Rolle gekommen und wie seid ihr gestartet?
Erich Felber:
Das Thema Citymanagement wurde in Luzern schon viele Jahre diskutiert. Ausgangspunkt war die Frage, wie wir mit Leerständen und Ansiedlungen umgehen. Luzern ist eine sehr touristische Stadt. Es bestand die Gefahr, dass die Innenstadt immer stärker von Souvenirgeschäften geprägt wird. Gleichzeitig gab es Leerstände. Deshalb stellte sich die Frage: Wer kümmert sich um die Entwicklung der Innenstadt?
Ursprünglich dachte man an ein klassisches Centermanagement. Auf politischer Ebene wurde aber schnell klar, dass es um viel mehr geht als um Handel. Es geht um die Innenstadt als Lebensraum mit sozialen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aspekten. Die Stelle wurde schließlich ausgeschrieben und ich habe mich beworben.
Frank Rehme:
Ihr habt eine Herausforderung, die viele andere Städte gar nicht haben. Einerseits seid ihr touristisch sehr attraktiv, andererseits dürft ihr nicht zum reinen Souvenirladen werden. Ihr müsst die Balance zwischen den Bedürfnissen der Gäste und der Lebensqualität für die Einheimischen halten.
Erich Felber:
Genau. Ein Schwerpunkt bei uns ist das Flächennutzungsmanagement. Wir schauen gemeinsam, welche Konzepte und Nutzungen zu Luzern passen. Dabei halten wir auch mal den Fuß in die Tür und machen Vorschläge. Unser Ziel ist ein attraktiver Angebotsmix.
Wir arbeiten eng mit Eigentümerinnen und Eigentümern zusammen. Unser Ansatz lautet: Wir möchten ihnen auf die Schulter klopfen, wenn sie ihre Immobilien so nutzen, dass die gesamte Innenstadt davon profitiert. Natürlich gibt es auch Souvenirgeschäfte und Leerstände in Nebenlagen. Aber wir können Akzente setzen. Dafür sammeln wir Daten und arbeiten unter anderem mit dem LEAN-Netzwerk.
Frank Rehme:
LEAN haben wir hier im Podcast schon häufiger besprochen. Das ist ein digitales Leerstands- und Ansiedlungsmanagementsystem, das Leerstände sichtbar macht und die Vermittlung unterstützt.
Du hast gerade etwas Wichtiges angesprochen: Eigentümerinnen und Eigentümer wertzuschätzen. Wir reden oft über Probleme, aber viel zu selten darüber, gute Beispiele sichtbar zu machen. Dabei gibt es in jeder Stadt Menschen, die ihre Häuser pflegen, Blumenschmuck anbringen oder ihre Immobilien attraktiv gestalten. Genau diese positiven Beispiele müssen wir stärken.
Erich Felber:
Das sehe ich genauso. Unser Ansatz ist nicht, mit Regulierung oder Strafmaßnahmen zu arbeiten. Wir möchten Leerstand zum öffentlichen Thema machen. Wenn etwas leer steht, fragen wir: Warum? Was können wir gemeinsam tun?
In den nächsten Tagen starten wir ein Projekt mit einer Eigentümerschaft, bei dem wir eine größere Zwischennutzung realisieren. Dafür gibt es sogar einen eigenen Pressetermin. Wir wollen zeigen, dass solche Kooperationen positive Aufmerksamkeit verdienen.
Stefan Müller-Schleipen:
Das Thema Eigentümer wird oft sehr kontrovers diskutiert. Dabei erleben wir häufig, dass die Vermarktung von Flächen deutlich länger dauert, als viele glauben. Selbst in Top-Lagen kann es Monate oder sogar Jahre dauern, bis eine Nachnutzung gefunden wird.
Deshalb reicht es nicht aus, zu warten, bis Leerstand entsteht. Wir müssen Eigentümer frühzeitig einbinden und ihnen Unterstützung anbieten. Idealerweise melden sie eine frei werdende Fläche schon, bevor sie leer steht, damit direkt eine Nachnutzung vorbereitet werden kann.
Erich Felber:
Genau das versuchen wir. Wichtig ist dabei auch, dass wir keine Makler sind. Unsere Aufgabe ist eine andere. Deshalb bringen wir Eigentümer, Makler und Innenstadtakteure zusammen.
Am 1. Juli veranstalten wir beispielsweise ein Forum mit über 100 Eigentümerinnen und Eigentümern. Das Thema lautet: „Marktorientiert und doch am Markt vorbei – Angebot und Nachfrage bei Erdgeschossflächen neu gedacht.“ Dort diskutieren wir über flexible Mietmodelle, Zwischennutzungen und die Frage, ob traditionelle Anforderungen an Mietverträge noch zeitgemäß sind.
Frank Rehme:
Solche Dialogformate sind enorm wichtig. Nur wenn alle Beteiligten miteinander sprechen, entsteht Verständnis für die unterschiedlichen Perspektiven.
Stefan Müller-Schleipen:
Und wir dürfen die nächste Herausforderung nicht vergessen: den Generationenwechsel im Einzelhandel. Viele inhabergeführte Geschäfte werden in den nächsten Jahren schließen, weil die Inhaber in Rente gehen.
Frank Rehme:
Der bekannte Satz lautet: „Der Leerstand von morgen sitzt heute noch an der Kasse.“ Die Zahlen zeigen deutlich, dass ein großer Teil der Händlerinnen und Händler in den kommenden Jahren aus dem Berufsleben ausscheidet. Das wird enorme Auswirkungen auf unsere Innenstädte haben.
Erich Felber:
Gleichzeitig beobachten wir in Luzern viele junge Gründerinnen und Gründer mit spannenden Ideen. Diese Menschen brauchen Unterstützung. Sie können oft nicht sofort hohe Mieten zahlen oder langfristige Verträge unterschreiben. Deshalb müssen wir neue und flexiblere Modelle entwickeln.
Frank Rehme:
Kommen wir noch zu euren kreativen Projekten. Ich bin über „Mini Luzern“ gestolpert und fand die Idee großartig. Erzähl doch mal davon.
Erich Felber:
Mini Luzern ist ein Projekt mit kleinen Miniaturfiguren, wie man sie von Modelleisenbahnen kennt. Diese Figuren sind an verschiedenen Orten in der Innenstadt versteckt. Besucher können sie suchen und über QR-Codes kleine Geschichten entdecken.
Das Ganze funktioniert ähnlich wie Geocaching, ist aber bewusst sehr einfach gehalten. Es gibt keine komplizierten Anmeldungen oder Apps. Man kann einfach losziehen und die Geschichten erleben. Das Projekt wächst ständig weiter und kommt sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen sehr gut an.
Frank Rehme:
Das ist eine wunderbare Form von Gamification für die Innenstadt.
Stefan Müller-Schleipen:
Und dann gibt es noch euer Musikprojekt.
Erich Felber:
Genau, das nennt sich City Busking. Dafür haben wir mehrere kleine Musikstationen in der Stadt eingerichtet. Dort dürfen Musiker unkompliziert auftreten. Wir laden Bands aktiv ein und schaffen Sichtbarkeit für Straßenmusik.
Das Schöne ist: Es gibt keine komplizierten Verfahren. Wer spielen möchte, kommt vorbei und legt los. Dadurch entsteht Leben in der Innenstadt und die Menschen kommen miteinander in Kontakt.
Frank Rehme:
Das sind genau die Ideen, die Innenstädte beleben und Menschen wieder zusammenbringen.
Stefan Müller-Schleipen:
Absolut. Solche Projekte schaffen Aufenthaltsqualität und neue Besuchsanlässe.
Frank Rehme:
Erich, vielen Dank für die spannenden Einblicke. Wir können allen nur empfehlen, Luzern einmal selbst zu besuchen und sich die Projekte vor Ort anzuschauen.
Erich Felber:
Vielen Dank euch. Und bringt eure Musikinstrumente mit – die Bühnen stehen bereit.
Frank Rehme:
Vielen Dank fürs Zuhören.
Stefan Müller-Schleipen:
Bis zur nächsten Folge.
Alle:
Tschüss!
Outro: Die Stadtretter – Der Podcast.